Ewige Rente: Welche Entnahmestrategie ist für den Kapitalerhalt geeignet
Wer sein Vermögen nicht über 20 oder 30 Jahre verzehren, sondern dauerhaft erhalten möchte, steht vor einer Zielkonfliktfrage: Jede Entnahmeregel, die das Kapital schützt, tut das auf Kosten einer schwankenden jährlichen Entnahme. Dieser Artikel vergleicht fünf in Wissenschaft und Praxis etablierte Modelle direkt miteinander und beantwortet die Frage, welches davon Kapitalerhalt und Entnahmestabilität am effizientesten verbindet.

Grundlage ist ein 70/30-Portfolio aus globalen Aktien und deutschen Anleihen in EUR. Simuliert wird einer der schwierigsten Zeiträume aus der jüngeren Börsenhistorie, das Startdatum Januar 2000. Das Startkapital beträgt 300.000 € und die Anfangsentnahmerate 4 %, es wird monatlich rebalanciert.
Die fünf Modelle und ihr wissenschaftlicher Hintergrund
1. Klassische dynamische Entnahme
Die einfachste Regel: Jedes Jahr werden 4 % des aktuellen Depotwerts entnommen – nicht des ursprünglichen. Diese "Percentage-of-Portfolio"-Regel wird in der akademischen Literatur regelmäßig als Referenzstrategie genannt. Diese prozentuale Entnahme kann rein rechnerisch nie auf null fallen, weil immer nur ein Anteil vom jeweils verbleibenden Wert entnommen wird. Der Preis dafür: Sie erzielt zwar die höchste Erfolgsquote und im Mittel die höchste Rendite, aber dafür mit der stärksten Schwankung bei der jährlichen Entnahme.
2. Dynamisch mit 5-Jahres-Glättung
Statt auf den aktuellen Depotwert wird die Entnahme auf den Durchschnitt der letzten fünf Jahresendwerte berechnet. Dieses Prinzip der Durchschnittsbildung über mehrere Jahre ist direkt an das Vorgehen großer Stiftungsvermögen angelehnt, die zur Glättung ihrer Ausschüttungen ebenfalls auf mehrjährige gleitende Durchschnitte zurückgreifen, um kurzfristige Marktschwankungen von der Ausgabenplanung zu entkoppeln.
3. Yale-Stiftungsmodell (80/20-Glättung)
Die Yale-Universitätsstiftung mischt 80 % der inflationsbereinigten Vorjahresausschüttung mit 20 % eines Zielsatzes auf den aktuellen Depotwert. Dieses Modell ist explizit auf Generationengerechtigkeit ausgelegt, also auf einen Ausgleich zwischen der heutigen und zukünftigen Begünstigten eines Stiftungsvermögens, das per Definition niemals aufgebraucht werden soll.
4. Vanguard Dynamic Spending Rule
Vanguard veröffentlichte 2017 das Papier "A Rule For All Seasons", das eine Hybridregel zwischen der reinen Prozentsatz-Regel und der starren Dollar-plus-Inflation-Regel vorschlägt. Dabei wird ein Korridor definiert – etwa eine Obergrenze von +5 % und eine Untergrenze von −1,5 % gegenüber der Vorjahresentnahme –, sodass die Ausschüttung auf Marktbewegungen reagiert, ohne die volle Schwankung des Depotwerts widerzuspiegeln. In diesem Backtest wurde exakt dieser Korridor (+5 %/−1,5 %) verwendet.
5. Floor & Ceiling
Eine in der Praxis verbreitete, aber akademisch weniger untersuchte Variante: Statt eines relativen Korridors um die Vorjahresentnahme wird ein absolutes Band in Euro definiert – hier 900 € bis 1.100 € im Monat. Konzeptionell ähnelt das der "Floor"-Komponente aus der Floor-and-Upside-Literatur (etwa nach Zvi Bodie), bei der ein garantiertes Mindesteinkommen von der Marktentwicklung entkoppelt wird, während der obere Bereich weiterhin Marktchancen zulässt.
Der Backtest: Drei Grafiken
Grafik 1 – Portfolioverlauf: Alle fünf Modelle starten bei 300.000 € und durchlaufen dieselben Marktphasen (Dotcom-Crash, Finanzkrise, Corona-Crash). Sichtbar wird sofort die Fächerbildung: Die klassische dynamische Entnahme und die 5-Jahres-Glättung liegen am Ende bei rund 389.000 €, während das absolute Floor/Ceiling-Modell mit 285.845 € sogar leicht unter dem Startkapital landet.


Grafik 2 – Monatliche Entnahme: Hier zeigt sich der Preis des Kapitalerhalts. Die klassische dynamische Entnahme bricht 2009 auf nur 534 €/Monat ein (−47 % gegenüber dem Start), während das absolute Floor/Ceiling-Modell im selben Jahr bei genau 900 € verharrt – der Floor fängt den Einbruch vollständig ab. Das Dynamic Spending Model von Vanguard läuft deutlich langsamer nach unten, hat dadurch aber auch einen viel späteren Anstieg als die anderen dynamischen Modelle.


Grafik 3 – Stabilität vs. Kapitalwachstum: Diese Grafik bringt beide Dimensionen zusammen und liefert die eigentliche Antwort auf die Ausgangsfrage. Auf der x-Achse steht die Volatilität der jährlichen Entnahmeänderung, auf der y-Achse das Kapitalwachstum (CAGR). Das Ergebnis ist bemerkenswert eindeutig: Die 5-Jahres-Glättung erzielt praktisch dasselbe Kapitalwachstum wie die klassische dynamische Entnahme (rund 1,0 % p. a.), aber bei weniger als der Hälfte der Entnahme-Volatilität (4,96 % gegenüber 11,78 % Standardabweichung). Sie dominiert die klassische Regel damit im Sinne der Portfoliotheorie – gleicher Ertrag bei deutlich geringerem Risiko. Yale, Vanguard und das absolute Floor/Ceiling-Modell reihen sich mit sinkender Volatilität, aber auch sinkendem (teils negativem) Kapitalwachstum darunter ein.


Fazit: Dynamische Strategien mit Glättung als Kompromiss zwischen Ertrag und Ruhe
Der Backtest zeigt einen klaren Zielkonflikt: Je enger das Band um die Entnahme gezogen wird, desto ruhiger wird die jährliche Auszahlung – aber desto mehr schmilzt das Depot in schwierigen Marktphasen ab. Die 5-Jahres-Glättung sticht in diesem Vergleich heraus, weil sie diesen Kompromiss am effizientesten löst: nahezu identisches Kapitalwachstum wie die ungebremste Prozentregel, aber mit deutlich geringerer Schwankung der Entnahme.
Quellen
- Bengen, W. (1994). „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data." Journal of Financial Planning.
- Cooley, P. L., Hubbard, C. M., Walz, D. T. (1998). „Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable." AAII Journal (Trinity Study).
- Guyton, J., Klinger, W. (2006). „Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates." Journal of Financial Planning.
- Jaconetti, C. M., DiJoseph, M. A., Kinniry, F. M., Pakula, D., Lobel, H. (2020). „From assets to income: A goals-based approach to retirement spending." Vanguard Research.
- Yale University, Endowment Spending Policy (investments.yale.edu).
- Bogleheads Wiki: „Variable percentage withdrawal" und „Perpetual Withdrawal Rate" (bogleheads.org).
- Portfolio Charts: „Perpetual Withdrawal Rates Are The Runway To A Long Retirement."
- Datenbasis: MSCI World Net Total Return (Bloomberg NDDUWI), REX P (deutscher Rentenindex), EUR/USD-Kurs (Bloomberg BGN).
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