100 minus Lebensalter: Der teure Denkfehler der bekanntesten Anleihen-Faustregel
Eine der bekanntesten Faustregeln der Geldanlage besagt, dass man von 100 einfach das Lebensalter abzieht und schon die optimale Aktienquote erhält. Aber war sie je die richtige Antwort? Eine eigene Simulation von Retire Capital über 75 Jahre Kapitalmarktgeschichte kommt zu einem anderen Ergebnis.

Die Regel ist schnell erklärt: Ihr Alter von 100 abgezogen ergibt den Aktienanteil in Prozent, der Rest gehört in Anleihen. Ein 40-Jähriger käme so auf 60 Prozent Aktien, ein 70-Jähriger auf 30 Prozent. Mit jedem Geburtstag sinkt die Quote um einen Punkt. Dahinter steht der Gedanke, dass mit näher rückendem Ruhestand weniger Zeit bleibt, Kurseinbrüche aufzuholen. Populär machten diese altersgebundene Aufteilung Anlageklassiker wie Vanguard-Gründer John C. Bogle („age in bonds“) und Burton G. Malkiel; in Deutschland taucht sie bis heute in vielen Bankberatungen und Ratgebern auf. Spätere Varianten rechnen mit 110 oder 120 statt 100, am Prinzip ändert das nichts: Das Alter bleibt die einzige Stellschraube. Genau dieses Prinzip haben wir mit eigenen Daten überprüft.
Was unsere Simulation zeigt: Die Aktienquote sinkt nicht mit dem Alter
Grundlage ist eine historische Simulation über 75 Jahre (globale Aktien und deutsche Anleihen in Euro, überlappende 35-Jahres-Fenster). Bei der statischen Entnahme legt man einen festen Prozentsatz des Startkapitals fest und passt ihn danach nur an die Inflation an, unabhängig vom Markt. Weil dieser Betrag in Krisen nicht sinkt, kann das Geld ausgehen – und das trifft ausgerechnet defensive Depots am härtesten: Ein reines Anleiheportfolio ging bei vier Prozent Entnahme über 35 Jahre in 45,2 Prozent der modellierten Verläufe vorzeitig leer aus, ein gemischtes mit 50 bis 60 Prozent Aktien nur in 7,2 Prozent. Ein Aktienanteil wirkte hier risikomindernd, nicht risikosteigernd.


Die dynamischen Ansätze leiten die Entnahme dagegen jedes Jahr neu aus dem aktuellen Kapital ab: die dynamische prozentuale Entnahme als festen Prozentsatz des aktuellen Portfoliowerts, die Vermögensrente als Annuität aus Kapital, Restlaufzeit und erwarteter realer Rendite. Konstruktionsbedingt brauchen sie das Kapital kaum je auf, dafür schwankt die Auszahlung. Entscheidend ist hier die verlässliche Untergrenze, also die niedrigste Monatsentnahme im schlechtesten Verlauf. Auch sie ist bei moderaten Aktienquoten am höchsten. Beispielhaft bei 300.000 Euro Startkapital: Bei der dynamischen prozentualen Entnahme liegt diese Untergrenze bei rund 870 Euro pro Monat, am höchsten bei einer 30-prozentigen Aktienquote.


Bei der Vermögensrente, der dynamischen Entnahme mit Annuität, liegt dieselbe Untergrenze bei rund 909 Euro pro Monat, am höchsten bei einer 40-prozentigen Aktienquote.


Beide Familien zeigen dasselbe Muster: Der günstigste Bereich liegt in der Mitte, nie bei 20 Prozent Aktien oder darunter. Und dieser Bereich nimmt über den Ruhestand hinweg nicht ab, sondern bleibt etwa gleich hoch, je nach Strategie in einem Korridor von rund 30 bis 60 Prozent. Für ein Profil wie einen 80-Jährigen sprechen die historischen Daten damit nicht für die 20 Prozent der Formel, sondern für eine stabile, höhere Quote. Die »100 minus Lebensalter«-Regel drückt die Quote unter den Bereich, der historisch am zuverlässigsten war.
Die Kehrseite für junge Anleger: Verschenkte Jahrzehnte am Kapitalmarkt
Dreht man die Formel um, trifft sie den 30- oder 40-Jährigen von der anderen Seite: Sie schreibt ihm 30 bis 40 Prozent Anleihen vor. Für den späteren Entnahmeplan ist das kein Problem, wohl aber der Preis auf dem Weg dorthin: Er verzichtet zwei bis drei Jahrzehnte lang auf einen großen Teil der Kapitalmarktrendite – in einer Phase, in der er Schwankungen problemlos aussitzen kann, weil er nichts entnimmt.
Wie groß der Verzicht ist, zeigen die langfristigen Realrenditen aus dem UBS Global Investment Returns Yearbook 2026 (Dimson, Marsh, Staunton, 1900 bis 2025): global gestreute Aktien rund 5,2 Prozent pro Jahr, Staatsanleihen 1,6 bis 2,0 Prozent, Gold 1,3 Prozent, ausführlich eingeordnet in unserem Artikel »Das Trilemma der Entnahme«. Über 30 Jahre bedeutet das beispielhaft: Die Kaufkraft von 100.000 Euro wächst bei real 5,2 Prozent auf rund das 4,6-fache, bei real 1,8 Prozent nur auf rund das 1,7-fache. Diese Lücke ist die Prämie, die eine früh gesenkte Aktienquote verschenkt, während sich die höhere Schwankung von Aktien über einen langen Horizont verkraften lässt.
Wann also umschichten? Nach dem Zeithorizont, nicht nach dem Geburtsjahr
Wenn die Aktienquote nicht mit dem Alter sinken sollte – wann beginnt dann die Umschichtung zum defensiveren Ziel-Mix? Die Antwort liefert das Renditereihenfolgerisiko: Verluste in den ersten Ruhestandsjahren wiegen schwerer als später, weil dann Anteile zu niedrigen Kursen verkauft werden. Analysen von Wade Pfau zufolge entscheiden vor allem die ersten zehn Jahre im Ruhestand über das Endergebnis. Das Risiko ballt sich also um den Rentenbeginn, nicht um das 40. Lebensjahr, und die Umschichtung setzt typischerweise erst etwa 10 bis 15 Jahre davor ein.
Wie viel die Struktur ausmacht, zeigt ein reales Verlaufsbeispiel: Wer im Jahr 2000 mit vier Prozent statischer Entnahme aus 300.000 Euro startete, stand mit einem reinen Aktienportfolio nach 23 Jahren – im Jahr 2023 – vor einem leeren Depot; ein 70/30-Portfolio überstand denselben Zeitraum mit rund 150.000 Euro. Gleiche Entnahme, gleiche Märkte – den Unterschied machte allein die Aufteilung. (Das Beispiel bildet einen tatsächlichen, noch nicht abgeschlossenen Verlauf ab, kein vollständiges 35-Jahres-Fenster der Simulation.) Ein geplanter Gleitpfad nimmt der Umschichtung das Markttiming.


Nicht 100 minus Lebensalter, sondern Ihre individuelle Ziel-Aufteilung
Die Faustregel liefert eine Zahl, misst aber die falsche Größe: Sie bremst den jungen Anleger aus und macht den älteren zu defensiv, weil sie beides an das Alter koppelt. Über einen tragfähigen Plan entscheiden das gesicherte Grundeinkommen, die Fixkosten und der Planungshorizont, der eher bis Mitte 90 als bis zur statistischen Lebenserwartung reicht. Daraus ergibt sich eine stabile Ziel-Aufteilung im belegten Korridor, kombiniert mit einem strukturierten, gleitenden Aktienquoten-Pfad in den letzten Jahren vor der Rente. Welche Werte konkret passen, hängt von der persönlichen Situation ab – dieser Artikel liefert die Daten, nicht die Einzelfallentscheidung.
Quellen
- Retire Capital Research (2026): Entnahmestrategien im historischen Test. Historische Simulation über 75 Jahre, globale Aktien und deutsche Anleihen, in Euro; überlappende 35-Jahres-Fenster.
- Dimson, E., Marsh, P. & Staunton, M. (2026): UBS Global Investment Returns Yearbook 2026, Summary Edition. UBS. https://www.ubs.com/content/dam/assets/wm/static/cio/documents/giry2026-summary-public.pdf
- Bengen, W. P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning, 7(4).
- Cooley, P. L., Hubbard, C. M. & Walz, D. T. (1998): Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Trinity-Studie). AAII Journal, 20(2).
- Pfau, W. D. & Kitces, M. E. (2014): Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide Path. Journal of Financial Planning, 27(1).
- Zur Herkunft der Regel: Malkiel, B. G.: A Random Walk Down Wall Street; Bogle, J. C.: „age in bonds“. Einordnung u. a. justETF Academy: „100 minus Lebensalter“. https://www.justetf.com/de/academy/100-minus-lebensalter-regel.html
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Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.
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