Portfoliostrategie

Portfoliostrategie im Ruhestand

Wer den ersten Teil unserer Ruhestandsplanung gelesen hat, kennt die Antwort auf die Frage: Wie viel Kapital brauche ich? Dieser Artikel beantwortet die nächste, ebenso wichtige Frage: Wie lege ich es an und wie entnehme ich es richtig?

Denn zwischen dem Vermögensaufbau im Berufsleben und der Vermögensentnahme im Ruhestand liegt ein fundamentaler Perspektivwechsel. Die Regeln, die beim Sparen funktioniert haben, können beim Entnehmen gefährlich werden. Dieser Artikel zeigt, warum das so ist, welche Bausteine ein Ruhestandsportfolio braucht und wie Sie diese mit kostengünstigen ETFs zusammensetzen.


1. Der Perspektivwechsel: Vom Sparen zum Entnehmen

Während des Berufslebens ist Vermögensaufbau ein vergleichsweise fehlerverzeihender Prozess. Wer einen Crash erlebt, hat Zeit, die Erholung abzuwarten und kauft bei niedrigen Kursen sogar günstig nach. Das Einkommen fließt weiter, die Sparrate bleibt bestehen, und die Zeit arbeitet für den Anleger.

Im Ruhestand dreht sich diese Logik um. Das regelmäßige Einkommen aus Erwerbsarbeit fällt weg. Statt Geld einzuzahlen, müssen Sie jetzt Geld entnehmen und zwar regelmäßig, unabhängig davon, wie die Märkte gerade stehen. Genau hier lauern zwei Risiken, die viele Ruheständler unterschätzen.

1.1 Das Sequence-of-Returns-Risiko: Wann der Crash kommt, ist entscheidend

Das tückischste Risiko der Entnahmephase hat einen sperrigen Namen, aber eine einfache Logik: Es kommt nicht nur darauf an, welche Rendite Sie über die Jahre erzielen, sondern wann die guten und die schlechten Jahre fallen.

Stellen Sie sich zwei Ruheständler vor, die beide mit 500.000 Euro starten und jährlich 20.000 Euro entnehmen. Beide erzielen über 25 Jahre exakt dieselbe Durchschnittsrendite von 6 Prozent. Aber die Reihenfolge der Jahresrenditen ist umgekehrt: Ruheständler A erlebt die schlechten Jahre am Anfang, sein Portfolio bricht in den ersten drei Jahren um 30 Prozent ein, und er muss trotzdem entnehmen. Ruheständler B erlebt dieselben schlechten Jahre am Ende.

Das Ergebnis ist dramatisch unterschiedlich: Ruheständler A ist nach 20 Jahren praktisch pleite. Ruheständler B hat noch über 400.000 Euro. Gleiche Durchschnittsrendite, völlig unterschiedliches Ergebnis.

Warum? Wer bei niedrigen Kursen entnimmt, verkauft überproportional viele Anteile. Diese Anteile fehlen bei der späteren Erholung der Schaden ist unwiderruflich. Deshalb nennen Finanzplaner die ersten fünf bis zehn Jahre im Ruhestand die „fragile Dekade": Was in dieser Phase passiert, prägt das gesamte restliche Vermögen.

Die Konsequenz: „Einfach weiter im gleichen ETF bleiben" reicht im Ruhestand nicht. Die Portfoliostruktur muss sich ändern, weg von reiner Wachstumsorientierung, hin zu einer Kombination aus Wachstum und Sicherheit.

1.2 Das Drawdown-Risiko: Wenn aus Buchverlusten echte Verluste werden

Eng verwandt, aber ein anderer Blickwinkel: Das Drawdown-Risiko beschreibt die Tiefe des Falls, also den prozentualen Rückgang vom Höchststand eines Portfolios bis zum Tiefpunkt.

Was bedeutet das konkret? Ein reines Aktienportfolio von 500.000 Euro fiel in der Finanzkrise 2008/09 auf rund 275.000 Euro – ein Drawdown von etwa 45 Prozent. Wer in der Ansparphase war und nichts entnehmen musste, konnte die Erholung abwarten. Innerhalb von etwa fünf Jahren waren die Verluste wieder aufgeholt.

Im Ruhestand ist genau das das Problem. Wer während eines Drawdowns von 45 Prozent weiterhin 2.000 Euro monatlich entnimmt, verkauft seine Anteile zu Tiefstkursen. Der Schaden multipliziert sich: Das Portfolio schrumpft nicht nur durch den Kursverfall, sondern zusätzlich durch die Entnahmen.

Dazu kommt die asymmetrische Mathematik von Verlusten, die vielen nicht bewusst ist: Ein Verlust von 50 Prozent erfordert anschließend einen Gewinn von 100 Prozent, nur um wieder auf null zu kommen. Ein Verlust von 30 Prozent braucht immerhin noch 43 Prozent Erholung. Je tiefer der Drawdown, desto steiler der Weg zurück – und desto länger dauert er.

Die Lösung ist nicht, Aktien zu meiden, denn ohne Aktien fehlt der Wachstumsmotor, der die Kaufkraft über Jahrzehnte erhält. Die Lösung ist ein gemischtes Portfolio, das den maximalen Drawdown begrenzt. Historisch fiel ein Portfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen in der Finanzkrise nur um etwa 20 Prozent statt um 45 Prozent, ein Unterschied, der im Ruhestand über Gelingen oder Scheitern entscheiden kann.

1.3 Die Risikozone: Zehn Jahre vor und nach dem Rentenbeginn

Renditereihenfolgerisiko (englisch: Sequence-of-Returns Risk) und Drawdown-Risiko wirken nicht gleichmäßig über das gesamte Anlegerleben. Sie konzentrieren sich auf ein bestimmtes Zeitfenster: die Risikozone — in der angelsächsischen Literatur „Retirement Risk Zone" oder „Fragile Decade" (Kitces 2014; Pfau 2018). Gemeint ist der Zeitraum von etwa zehn Jahren vor bis zehn Jahren nach dem Rentenbeginn. In dieser Phase erreicht das Vermögen seinen Höhepunkt — und genau deshalb können Markteinbrüche hier die gesamte Ruhestandsplanung dauerhaft beeinflussen.

Warum ausgerechnet diese 20 Jahre? Das Vermögen ist in diesem Zeitfenster maximal: Jahrzehntelange Einzahlungen und Zinseszins haben ihre volle Wirkung entfaltet. Ein Crash von 30 Prozent zehn Jahre vor Rentenbeginn reißt absolut gesehen deutlich mehr aus dem Depot als derselbe Crash mit 40 oder 50 Jahren. Gleichzeitig bleibt anders als früher kaum Zeit, Verluste durch weitere Einzahlungen zu kompensieren — die aktive Sparphase neigt sich dem Ende zu.

In den zehn Jahren nach Rentenbeginn kommt das oben beschriebene Renditereihenfolgerisiko hinzu: Ein Crash in dieser Phase zwingt zum Verkauf von Anteilen zu Tiefstkursen, um den laufenden Lebensunterhalt zu decken. Beide Risiken zusammen — ein historisch hoher Vermögensstand ohne Zeit zur Erholung plus erzwungene Entnahmen in fallenden Märkten — machen dieses Zeitfenster zur finanziell empfindlichsten Phase des gesamten Anlegerlebens.

Die Konsequenz für die Portfoliostruktur: In der Risikozone muss sich die Anlagestrategie verändern — weg von reiner Wachstumsorientierung, hin zu einer Kombination aus Wachstum und Absicherung. Konkret heißt das, den Aktienanteil schrittweise zu reduzieren (siehe Kapitel 6.3 zum Glide Path) und einen Liquiditätspuffer aufzubauen, bevor der Ruhestand beginnt — nicht erst dann. Wer mit 55 seine Strategie so weiterführt wie mit 35, ignoriert genau das Risiko, das in dieser Lebensphase am größten ist.


2. Die drei Grundprinzipien: Diversifikation, Risikotoleranz und Zeithorizont

Bevor wir die einzelnen Bausteine betrachten, drei Prinzipien, die für jede Anlagestrategie gelten – und im Ruhestand besondere Bedeutung haben.

Diversifikation bedeutet: Verteilen Sie Ihr Geld auf verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen. Wer alles auf eine Karte setzt, sei es eine einzelne Aktie, ein einzelnes Land oder eine einzelne Anlageklasse, geht ein unnötiges Risiko ein. Breite Streuung eliminiert nicht alle Risiken, aber sie schützt vor dem Totalverlust einzelner Positionen.

Risikotoleranz ist im Ruhestand eine andere als im Berufsleben. Die entscheidende Frage ist nicht nur „Wie viel Schwankung halte ich psychisch aus?", sondern vor allem „Wie viel Schwankung kann ich mir finanziell leisten?". Wer mit 45 einen Crash von 40 Prozent erlebt, hat noch 20 Jahre Erwerbseinkommen, um den Verlust auszugleichen. Wer mit 70 denselben Crash erlebt, hat diese Möglichkeit nicht. Die Risikotoleranz verschiebt sich also nicht nur gefühlt, sondern objektiv.

Zeithorizont wird im Ruhestand oft falsch eingeschätzt. Viele denken: „Ich bin 67, also ist mein Anlagehorizont kurz." Das stimmt nicht. Wer mit 67 in Rente geht und konservativ bis 95 plant, hat einen Zeithorizont von 28 Jahren. Das ist länger als viele Berufstätige sparen. Der Zeithorizont spricht also auch im Ruhestand für einen Aktienanteil im Portfolio – allerdings, wie wir gesehen haben, nicht für ein reines Aktienportfolio.


3. Aktien: Der Wachstumsmotor

3.1 Warum Aktien langfristig die renditestärkste Anlageklasse sind

An der grundlegenden Logik kommt man nicht vorbei: Wer an Unternehmen beteiligt ist, profitiert von deren Wertschöpfung, Innovationskraft und Gewinnwachstum. Historisch hat sich das in messbaren Renditen niedergeschlagen — wenngleich vergangene Werte keine Garantie für die Zukunft sind.

Der MSCI World Index, der rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern abbildet, hat von 1975 bis Ende 2024 auf Euro-Basis eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa 9,7 Prozent erzielt. Selbst im ungünstigsten 20-Jahres-Zeitraum lag die Rendite eines monatlichen Sparplans auf den MSCI World bei 2,2 Prozent pro Jahr, also immer noch über der Inflation.

Für den Ruhestand bedeutet das: Aktien sind der einzige Baustein, der zuverlässig über der Inflation liegt und damit Ihre Kaufkraft über Jahrzehnte schützt. Ohne Aktien im Portfolio droht schleichender Vermögensverlust durch Inflation, selbst wenn der Kontostand nominal gleich bleibt.

3.2 Die Kehrseite: Volatilität und Drawdowns

Die hohen Renditen von Aktien kommen nicht ohne Preis. Kurzfristig schwanken Aktienkurse erheblich, und zwischenzeitliche Verluste sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Was bedeutet ein 40-Prozent-Crash konkret? Aus 500.000 Euro werden 300.000 Euro. Sie schauen auf Ihren Depotauszug und sehen: 200.000 Euro sind weg. Rational wissen Sie, dass es sich um einen Buchverlust handelt, der sich erholen kann. Emotional fühlt es sich an, als hätte jemand Jahre Ihrer Ersparnisse ausradiert.

Historisch hat der MSCI World solche Einbrüche erlebt, in der Dotcom-Krise 2000–2003, in der Finanzkrise 2008/09, im Corona-Crash 2020. Die Erholung dauerte je nach Krise zwischen einem und dreizehn Jahren. Ab einem Anlagehorizont von 15 Jahren hat man beim MSCI World in den letzten 50 Jahren unabhängig vom Ein- und Ausstiegszeitpunkt kein Geld verloren. Aber im Ruhestand zählen auch die Jahre innerhalb dieses Horizonts, weil Sie laufend entnehmen.

Deshalb der wichtigste Grundsatz: Ein Ruhestandsportfolio, das zu 100 Prozent aus Aktien besteht, ist für die meisten Menschen zu riskant – nicht weil Aktien schlecht sind, sondern weil man in der Entnahmephase nicht warten kann, bis sich ein Crash erholt hat.

3.3 Einzelaktien vs. breite Streuung

Manche Ruheständler halten Einzelaktien, die sie über Jahrzehnte aufgebaut haben. Das ist verständlich, aber riskant. Einzelne Unternehmen können scheitern, Dividenden kürzen oder dauerhaft an Wert verlieren. Wer sein Ruhestandsvermögen auf 5 oder 10 Aktien konzentriert, nimmt ein Klumpenrisiko in Kauf, das durch einfache Streuung vermeidbar wäre.

Die Alternative: Statt in einzelne Unternehmen investieren Sie in Hunderte oder Tausende gleichzeitig, über einen einzigen Indexfonds, einen sogenannten ETF. Damit kommen wir zum effizientesten Instrument für den Vermögensaufbau und die Vermögenssicherung im Ruhestand.


4. Anleihen: Der Stabilitätsanker

4.1 Was Anleihen sind und wie sie funktionieren

Wenn Sie eine Anleihe kaufen, leihen Sie jemandem Geld – einem Staat, einem Unternehmen, einer Bank. Im Gegenzug bekommen Sie regelmäßig Zinsen (den sogenannten Kupon) und am Ende der Laufzeit Ihren Einsatz zurück.

Drei Dinge bestimmen den Charakter einer Anleihe: Die Laufzeit (kurz = 1–3 Jahre, mittel = 3–7 Jahre, lang = 7–30 Jahre), der Kupon (der feste Zinssatz, den Sie jährlich erhalten) und die Bonität des Schuldners (wie wahrscheinlich ist es, dass er seine Schulden bezahlt). Deutsche Staatsanleihen gelten als sehr sicher – die Wahrscheinlichkeit, dass die Bundesrepublik ihre Schulden nicht bedient, ist äußerst gering. Unternehmensanleihen zahlen höhere Zinsen, tragen aber auch ein höheres Ausfallrisiko.

4.2 Chancen: Planbare Erträge und Portfoliostabilisierung

Anleihen erfüllen im Ruhestandsportfolio zwei Aufgaben. Erstens liefern sie planbare, regelmäßige Erträge über die Kuponzahlungen. Zweitens stabilisieren sie das Gesamtportfolio, weil ihre Kursschwankungen deutlich geringer sind als bei Aktien.

Historisch haben sich Anleihen und Aktien oft gegenläufig entwickelt: Wenn die Aktienmärkte fielen, stiegen häufig die Kurse von Staatsanleihen, weil Anleger in sichere Häfen flüchteten. Dieser Diversifikationseffekt ist einer der Hauptgründe, warum ein gemischtes Portfolio aus Aktien und Anleihen weniger schwankt als ein reines Aktienportfolio.

4.3 Risiken: Zinsänderung, Inflation und Bonität

Anleihen sind sicherer als Aktien, aber nicht risikolos. Drei Risiken sollten Sie kennen.

Das Zinsänderungsrisiko: Wenn die Zinsen am Markt steigen, fallen die Kurse bestehender Anleihen mit niedrigerem Kupon. Das Jahr 2022 hat das eindrücklich gezeigt: Die EZB hob die Zinsen in historischem Tempo an, und Anleihen-ETFs verloren teilweise 10 bis 15 Prozent an Wert.

Das Inflationsrisiko: Eine Anleihe mit 2 Prozent Kupon klingt sicher. Aber bei einer Inflation von 3 Prozent verlieren Sie real Geld – Ihre Kaufkraft sinkt, obwohl die Zinsen fließen.

Das Bonitätsrisiko: Unternehmensanleihen können ausfallen, wenn das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät. Selbst Staatsanleihen bestimmter Länder sind nicht garantiert, Griechenland hat das 2012 gezeigt.

4.4 Welche Anleihen für den Ruhestand?

Für den Stabilitätsanteil eines Ruhestandsportfolios eignen sich drei Typen besonders:

Staatsanleihen hoher Bonität (Deutschland, Niederlande, Frankreich) bieten die größte Sicherheit bei niedrigerer Rendite. Sie sind der klassische „sichere Hafen".

Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating (also Unternehmen mit guter bis sehr guter Bonität) bieten etwas mehr Rendite bei überschaubarem Zusatzrisiko.

Kurzlaufende Anleihen (Short Duration Bonds) verdienen im Ruhestand besondere Beachtung. Anleihen mit kurzer Restlaufzeit (ein bis drei Jahre) reagieren deutlich weniger empfindlich auf Zinsänderungen als langlaufende Papiere. Während ein breiter ETF auf Staatsanleihen im Zinsanstieg 2022 zweistellige Verluste verzeichnete, blieben kurzlaufende Anleihen-ETFs weitgehend stabil.


5. ETFs: Das effizienteste Instrument für beides

5.1 Was ETFs sind und warum sie die Geldanlage verändert haben

Ein ETF (Exchange Traded Fund) ist ein Investmentfonds, der einen Index nachbildet und an der Börse gehandelt wird. Statt dass ein Fondsmanager aktiv Aktien auswählt und versucht, den Markt zu schlagen, kauft ein ETF einfach alle Aktien eines Index – etwa die rund 1.300 Unternehmen des MSCI World oder die Anleihen eines europäischen Staatsanleihen-Index.

Das klingt simpel – und genau darin liegt die Stärke. Ohne teures Fondsmanagement, ohne aktive Handelsentscheidungen, ohne den Versuch, klüger zu sein als der Markt. Denn die Daten zeigen konsistent, dass die Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds genau das nicht schafft.

5.2 Der Kostenvorteil – und warum er im Ruhestand doppelt zählt

Die Kosten sind der wichtigste Unterschied zwischen ETFs und aktiv gemanagten Fonds – und im Ruhestand sind sie besonders relevant, weil sie direkt die Entnahmefähigkeit beeinflussen.

Ein typischer aktiv gemanagter Fonds kostet 1,5 bis 2,0 Prozent pro Jahr an laufenden Gebühren. Ein vergleichbarer ETF liegt oft bei 0,1 bis 0,3 Prozent. Klingt nach wenig Unterschied? Rechnen wir es durch.

Bei 500.000 Euro Anlagesumme und einer Bruttorendite von 6 Prozent über 20 Jahre ergibt sich folgendes Bild: Mit einem ETF zu 0,2 Prozent Kosten wächst Ihr Vermögen (ohne Entnahmen) auf rund 1.540.000 Euro. Mit einem aktiven Fonds zu 1,8 Prozent Kosten auf rund 1.120.000 Euro. Der Unterschied: über 400.000 Euro, allein durch Kosten.

Im Ruhestand wirkt dieser Effekt noch stärker, weil Sie gleichzeitig entnehmen. Jeder Euro, der in Fondsgebühren fließt, steht nicht mehr für Ihre Entnahme zur Verfügung. Hohe Kosten verkürzen also direkt die Lebensdauer Ihres Portfolios.

5.3 Diversifikation auf Knopfdruck

Ein einzelner ETF auf den MSCI World enthält rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern – von Apple über Nestlé bis Toyota. Dieselbe Streuung mit Einzelaktien aufzubauen wäre für Privatanleger praktisch unmöglich: Sie müssten Hunderte Aktien kaufen, gewichten und regelmäßig anpassen.

Bei Anleihen-ETFs ist der Effekt genauso: Ein ETF auf europäische Staatsanleihen bündelt Hunderte verschiedene Papiere mit unterschiedlichen Laufzeiten und Herkunftsländern. Sie erreichen mit einem einzigen Kauf eine Streuung, für die Sie früher ein ganzes Beratungsteam gebraucht hätten.

Zudem zeigt die Forschung deutlich: Über Zeiträume von 10 bis 15 Jahren schaffen es weniger als 15 bis 20 Prozent der aktiv gemanagten Fonds, ihren Vergleichsindex nach Kosten zu schlagen. Die Wahrscheinlichkeit, vorab den richtigen aktiven Fonds auszuwählen, ist also gering. Mit einem ETF erhalten Sie dagegen verlässlich die Marktrendite, abzüglich minimaler Kosten.

5.4 Die wichtigsten ETF-Typen für den Ruhestand

Keine konkreten Produktnamen, aber die Kategorien, aus denen Sie Ihr Portfolio zusammensetzen können:

Aktien-ETFs Global (z.B. auf MSCI World, MSCI ACWI oder FTSE All-World): Breiteste Streuung über Industrieländer und teilweise Schwellenländer. Der Kern des Wachstumsanteils.

Aktien-ETFs Small Caps (z.B. auf MSCI World Small Cap) Breite Streuung in Small Caps, hauptsächlich über Industrieländer. Ergänzende Anlage als Beimischung.

Anleihen-ETFs Staatsanleihen: Bilden einen Index europäischer oder globaler Staatsanleihen ab. Der klassische Sicherheitsbaustein.

Anleihen-ETFs Unternehmensanleihen: Etwas mehr Rendite als Staatsanleihen, mit Investment-Grade-Bonität. Gute Ergänzung zum Stabilitätsanteil.

Geldmarkt-ETFs: Bilden den Geldmarkt ab und schwanken kaum. Eignen sich als Tagesgeld-Alternative für die kurzfristige Liquiditätsreserve – oft mit besserer Verzinsung als klassische Bankprodukte.

6. Portfoliostruktur und Absicherung

Jetzt die Zusammenführung: Wie kombinieren Sie Aktien-ETFs, Anleihen-ETFs und Liquidität zu einem funktionierenden Ruhestandsportfolio?

6.1 Die Puffer-Strategie: Schutz für die fragile Dekade

Die wirksamste Antwort auf das Renditereihenfolgerisiko ist überraschend einfach: Halten Sie genug Bargeld und kurzfristige Anlagen bereit, um mindestens 5 Jahre lang Ihre Entnahmen zu decken, ohne Aktien verkaufen zu müssen.

Der Mechanismus: Sie entnehmen aus Bargeld und Anleihen. In normalen Börsenjahren füllen Sie diesen Puffer am Jahresende wieder aus Aktiengewinnen auf. In schlechten Börsenjahren entnehmen Sie nur aus dem Puffer und lassen den Aktienanteil unangetastet, er hat Zeit, sich zu erholen. Genau diese Flexibilität entschärft das Sequence-of-Returns-Risiko, weil Sie sehr selten gezwungen sind, bei Tiefstkursen zu verkaufen.

6.2 Die Altersregel als Startpunkt

Die bekannteste Faustregel lautet: Ihr Anleihenanteil sollte ungefähr Ihrem Alter entsprechen. Mit 67 Jahren also 67 Prozent Anleihen, 33 Prozent Aktien.

Diese Regel hat den Vorteil der Einfachheit. Aber sie stammt aus einer Zeit, in der die Lebenserwartung niedriger und die Anleihenrenditen höher waren. Für den heutigen Ruhestand ist sie oft zu konservativ: Ein 67-Jähriger mit 28 Jahren Zeithorizont und nur 33 Prozent Aktien riskiert, dass sein Portfolio der Inflation nicht standhält.

Modernere Varianten empfehlen daher „Alter minus 10" oder „Alter minus 20" als Anleihenanteil, also 47 bis 57 Prozent Anleihen mit 67 Jahren. Die richtige Mischung hängt letztlich von Ihrer persönlichen Lücke, Ihrer Risikotoleranz und Ihren fixen Einnahmen ab. Wer eine hohe gesetzliche Rente hat und nur eine kleine Lücke füllen muss, kann mehr Aktien halten. Wer stark von seinem Portfolio abhängt, sollte vorsichtiger gewichten.

6.3 Der Glide Path: Schrittweises Umschichten

Statt eines festen Verhältnisses können Sie auch einen „Glide Path" verfolgen – einen geplanten Pfad, auf dem Sie den Aktienanteil über die Jahre schrittweise reduzieren. Zum Beispiel: Mit 65 noch 50 Prozent Aktien, mit 75 nur noch 35 Prozent, mit 85 nur noch 25 Prozent.

Der Vorteil ist Disziplin: Sie müssen nicht jedes Jahr aktiv entscheiden, und die emotionale Komponente fällt weg.

6.4 Rebalancing: Warum Disziplin wichtiger ist als Timing

Egal welches Modell Sie wählen: Ihr Portfolio wird im Laufe der Zeit von der Zielgewichtung abweichen. Nach einem guten Börsenjahr haben Sie vielleicht 65 Prozent Aktien statt der geplanten 50 Prozent. Nach einem Crash vielleicht nur noch 35 Prozent.

Rebalancing bedeutet: Sie stellen regelmäßig die ursprüngliche Gewichtung wieder her – indem Sie den zu großen Anteil reduzieren und den zu kleinen aufstocken. Die einfachste Regel: Einmal im Jahr prüfen, und bei Abweichungen von mehr als fünf Prozentpunkten handeln.

Das klingt mechanisch und genau das ist der Punkt. Rebalancing zwingt Sie, antizyklisch zu handeln: Aktien verkaufen, wenn sie hoch stehen, und nachkaufen, wenn sie niedrig stehen. Es ist das Gegenteil von dem, was die meisten Anleger instinktiv tun und genau deshalb funktioniert es.


7. Entnahmestrategien: Wie viel kann ich mir leisten?

Die Frage, wie viel Sie jährlich aus Ihrem Portfolio entnehmen können, ohne dass es vorzeitig aufgebraucht wird, ist ein eigenes, komplexes Thema. Hinter jeder konkreten Entnahmestrategie steht dabei dasselbe Grundproblem: das Trilemma der Entnahme.

7.1 Das Trilemma der Entnahme: Rendite, Entnahmehöhe und Flexibilität

Wer im Ruhestand Vermögen verzehrt, stößt zwangsläufig auf das magische Dreieck der Entnahme, oft auch als Trilemma der Entsparphase bezeichnet. Drei Größen stehen in Konkurrenz: Rendite, Entnahmehöhe und Flexibilität. Jede seriöse Entnahmestrategie macht diesen Zielkonflikt explizit — viele Haushalte bemerken ihn erst, wenn der Markt ungünstig läuft.

Rendite — die Größe, die Sie am wenigsten steuern. Die erwartete Rendite folgt aus Ihrer Vermögensaufteilung (siehe Kapitel 3 bis 6). Globale Aktien lieferten langfristig rund 5 Prozent Realrendite pro Jahr (Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook 2023) — allerdings mit erheblicher Volatilität. Genau aus dieser Volatilität entsteht das in Kapitel 1.1 beschriebene Renditereihenfolgerisiko: Fallen schlechte Jahre an den Anfang der Entnahmephase, schrumpft das Kapital schneller, als es die durchschnittliche Rendite vermuten lässt. Die Rendite ist die am wenigsten beeinflussbare der drei Größen — Sie können die erwartete Rendite über die Portfolio-Struktur grob einstellen, aber die konkrete Abfolge guter und schlechter Jahre lässt sich nicht vorhersagen.

Entnahmehöhe — die Größe, die Ihren Lebensstandard bestimmt. Bengen (1994) zeigte erstmals systematisch: 4 Prozent des Startkapitals, jährlich inflationsangepasst, wurden in einem 50/50- bis 75/25-Portfolio historisch über 30 Jahre nicht aufgebraucht — allerdings auf Basis rein US-amerikanischer Daten. Die Trinity Study (Cooley, Hubbard & Walz 1998) bestätigte diese Größenordnung für verschiedene Aktienquoten. Global betrachtet liegt die sichere Entnahmerate nach neueren Studien eher im Bereich von 3,0 bis 3,5 Prozent. Die Logik ist schlicht: Je höher Sie starten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass das Kapital jede Marktphase trägt — oder desto mehr Flexibilität müssen Sie einplanen.

Flexibilität — die Größe, die die beiden anderen entlastet. Die dritte Stellschraube wird in der Praxis am häufigsten übersehen. Guyton und Klinger (2006) zeigen: Wer bereit ist, in schlechten Jahren die Entnahme zu kürzen und in guten Jahren nachzulegen, kann historisch mit etwa 5,0 bis 5,6 Prozent starten — also rund einen Prozentpunkt höher als bei einer starren Regel —, ohne das Kapital nennenswert zu gefährden. Flexibilität ist damit keine Schwäche eines Plans, sondern ein Ventil, über das sich Marktrisiko abfedern lässt. Die Puffer-Strategie aus Kapitel 6.1 ist genau ein solches Ventil auf der Portfolio-Ebene.

Die praktische Konsequenz: Vor dem Start der Entsparphase sollten Sie nicht nur prüfen, wie viel Sie brauchen, sondern auch: Wie viel weniger könnten Sie in einem schlechten Jahr ausgeben, ohne dass die Grundversorgung leidet? Unterscheiden Sie zwischen unvermeidlichen Fixkosten (Wohnen, Energie, Versicherungen, Lebensmittel, Gesundheit) und diskretionären Ausgaben (Reisen, Restaurants, Hobbys, Anschaffungen). Die Differenz ist Ihr wichtigster Schutz gegen das Renditereihenfolgerisiko — wichtiger als der Kampf um den letzten halben Prozentpunkt Rendite. Ein starrer Plan bricht in dem Moment, in dem er getestet wird. Ein flexibler Plan hält — weil er den Test als Teil der Strategie einplant.

7.2 Die vier Grundstrategien im Überblick

Die etablierten Entnahmeregelwerke lassen sich als unterschiedliche Antworten auf das Trilemma verstehen — jede gewichtet die drei Dimensionen anders. Hier der kurze Überblick, jeweils mit Verweis auf unsere ausführlichen Wissensartikel.

Die feste Entnahmerate ist der bekannteste Ansatz: Sie entnehmen jedes Jahr einen festen Prozentsatz Ihres Anfangsvermögens, inflationsbereinigt angepasst. Die bekannte „4-Prozent-Regel" nach William Bengen (1994) basiert auf diesem Prinzip. Einfach, planbar — aber unflexibel bei Marktschwankungen. → Mehr dazu im Wissensartikel Statische Entnahme.

Die dynamische Entnahme passt den Betrag an die Marktentwicklung an: In guten Börsenjahren entnehmen Sie etwas mehr, in schlechten Jahren etwas weniger. Modelle wie die Guardrails-Methode (Guyton/Klinger) definieren dafür Ober- und Untergrenzen. Flexibler und nachhaltig, aber weniger planbar. → Mehr dazu im Wissensartikel Dynamische Entnahme.

Das Mehrtopfmodell teilt das Vermögen in mehrere Töpfe auf — kurzfristig (Cash), mittelfristig (Anleihen) und langfristig (Aktien). Die Entnahme erfolgt immer aus dem sicheren Topf, der periodisch aus den anderen aufgefüllt wird. Psychologisch besonders wirksam, weil man nie direkt aus dem Aktientopf entnehmen muss. → Mehr dazu im Wissensartikel Mehrtopf-Entnahmestrategie.

Die Dividendenstrategie setzt auf ausschüttungsstarke Aktien oder ETFs und entnimmt ausschließlich die laufenden Dividenden und Zinsen, ohne den Kapitalstock anzutasten. Kapitalerhaltend und einfach, aber die Ausschüttungen sind nicht garantiert und können in Krisenzeiten sinken. → Mehr dazu im Wissensartikel Dividendenstrategie.


Fazit: Einfach schlägt komplex

Die Forschung und die Praxis zeigen übereinstimmend: Ein einfaches Portfolio aus zwei bis drei ETFs, einem breit gestreuten Aktien-ETF für Wachstum, einem Anleihen-ETF für Stabilität und einem Geldmarkt-ETF oder Tagesgeldkonto als Cash-Puffer – schlägt langfristig die meisten komplexen Strategien. Nicht weil es theoretisch optimal ist, sondern weil es praktisch durchhaltbar ist.

Denn die beste Investmentstrategie im Ruhestand ist nicht die mit der höchsten erwarteten Rendite auf dem Papier. Es ist die, die Sie auch dann durchhalten, wenn die Märkte um 30 Prozent einbrechen und die Schlagzeilen Panik verbreiten. Einfachheit, niedrige Kosten und Disziplin – das sind die drei Zutaten, die funktionieren.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Die hier beschriebenen Strategien basieren auf historischen Daten und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die keine Garantie für zukünftige Entwicklungen bieten.


Quellen

Finanztip, „MSCI World Index: Kurs, Rendite & Zusammensetzung": Von 1975 bis Ende 2024 hat der MSCI World Netto auf Eurobasis durchschnittlich 9,7 % p.a. erzielt.

Deutsches Aktieninstitut (DAI), MSCI World-Renditedreieck für monatliche Sparpläne, Stand 31.12.2024: Bei 20 Jahren Spardauer lag die jährliche Rendite im schlechtesten Fall bei 2,2 %, im besten Fall bei 15,4 %, im Durchschnitt bei 8,6 %.

Scalable Capital / Deutsches Aktieninstitut: Ab einem Horizont von 15 Jahren hat man im letzten halben Jahrhundert beim MSCI World unabhängig vom Ein- und Ausstiegszeitpunkt kein Geld verloren.

extraETF / DKB / Commerzbank: ETFs kosten typischerweise 0,1 bis 0,4 % p.a. (TER), aktiv gemanagte Fonds 1,5 bis 2,0 % p.a., teils zzgl. Ausgabeaufschlag von 2–5 %.

VZ VermögensZentrum Deutschland, Studie „Aktive Aktienfonds auf dem Prüfstand": Ausgehend von 500.000 € Anlagesumme und 6 % erwarteter Rendite können Anleger mit überwiegend ETFs nach zehn Jahren mit fast 100.000 € mehr rechnen als Anleger mit aktiven Fonds.

S&P SPIVA-Report / DKB: Über Zeiträume von 10 bis 15 Jahren schaffen es etwa 85–90 % der aktiv verwalteten Fonds nicht, ihren Vergleichsindex nach Kosten zu schlagen.

Bengen, W. P. (1994): „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data", Journal of Financial Planning, 7(4), 171–180.

Cooley, P. L., Hubbard, C. M., & Walz, D. T. (1998): „Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable" (Trinity Study), AAII Journal.

Guyton, J. T., & Klinger, W. J. (2006): „Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates", Journal of Financial Planning, 19(3), 48–58.

Kitces, M. E. (2014): „Managing Sequence Of Return Risk With Bucket Strategies Vs A Total Return Rebalancing Approach", Kitces Report. Einführung des Konzepts der „Retirement Risk Zone".

Pfau, W. D. (2018): How Much Can I Spend in Retirement? A Guide to Investment-Based Retirement Income Strategies. Retirement Researcher Media. Kapitel zur Fragile Decade und Sequence Risk.

Credit Suisse Research Institute (2023): „Global Investment Returns Yearbook 2023", Dimson, Marsh & Staunton.

Risikohinweis

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Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen sowie die daraus erzielten Erträge können steigen und fallen — Anleger erhalten den eingesetzten Betrag möglicherweise nicht vollständig zurück. Für die Entnahme- und Frührentenplanung gilt insbesondere: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko und das Langlebigkeitsrisiko können die Nachhaltigkeit eines Entnahmeplans erheblich beeinflussen.

Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.

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