Die wichtigsten Entnahmestrategien im Überblick

Das Herzstück einer Ruhestandsplanung ist die richtige Entnahmestrategie. Es geht darum, so viel wie möglich von dem Investmentdepot zu profitieren, ohne das Risiko einzugehen, das Vermögen zu schnell zu verbrauchen. Wir nehmen für Sie die fünf wichtigsten Strategien unter die Lupe.

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Warum die Wahl der Strategie erheblich ist

Wer jahrzehntelang Vermögen aufgebaut hat, steht zu Beginn der Entsparphase vor einer Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen: Wie wird das Kapital entnommen, sodass es bis zum Lebensende reicht und zugleich ein gutes Leben ermöglicht?

Die Antwort hängt nicht vom Zufall ab. Je nach gewähltem Ansatz unterscheidet sich die durchschnittliche jährliche Entnahmerate um mehr als zwei Prozentpunkte. Bei einem Portfolio von 500.000 Euro entspricht das einem monatlichen Unterschied von mehreren hundert Euro – illustrativ gerechnet, da individuelle Portfoliostruktur, Anlagehorizont und Marktentwicklung entscheidend variieren.

Die Forschung zur Entnahmeplanung ist umfangreich. William Bengen (1994) untersuchte erstmals systematisch, welche jährliche Entnahmerate historisch über 30 Jahre Bestand hatte. Sein Befund: Vier Prozent des Startkapitals pro Jahr haben sich in historischen US-amerikanischen Szenarien als tragfähige Orientierungsgröße erwiesen – nicht als Garantie, sondern als Ausgangspunkt. In vielen Lebenslagen ist dieser Wert weder optimal noch ausreichend.

Fünf Strategien im Überblick

Strategie 1: Dividendenentnahme

Bei der Dividendenentnahme leben Anleger ausschließlich von den Ausschüttungen ihres Portfolios – aus dividendenstarken Aktien, ausschüttenden ETFs oder einer Kombination beider. Das Kapital selbst bleibt weitgehend unangetastet. Historisch lag die erreichbare Entnahmerate bei dieser Strategie zwischen 3,0 und 3,5 Prozent pro Jahr.

Diese Strategie eignet sich typischerweise für Anleger, die Kapitalerhalt priorisieren – etwa weil sie Vermögen vererben möchten oder psychologisch von einem stabilen, nicht angreifbaren Kapitalstock profitieren. Der Preis dafür ist ein strukturell niedrigerer Entnahmespielraum: Wer das volle Potenzial seines Portfolios nutzen möchte, lässt mit dieser Strategie rechnerisch Entnahme ungenutzt. Zudem ist die Höhe der Ausschüttungen von Dividendenpolitik und Marktentwicklung abhängig – Planungssicherheit auf Euro-Cent-Ebene bietet sie nicht.

Strategie 2: Statische Entnahme

Bei der statischen Entnahme wird zu Beginn der Entsparphase ein fester Prozentsatz des Portfolios festgelegt – typischerweise 3,5 bis 4,0 Prozent – und anschließend jährlich um die Inflationsrate angepasst. Die reale Kaufkraft der Entnahme bleibt damit konstant, unabhängig davon, wie sich der Portfoliowert entwickelt.

Die Grundlage dieser Strategie liefert die Trinity Study: Cooley, Hubbard und Walz (1998) analysierten historische US-Portfolios und kamen zu dem Ergebnis, dass eine Entnahmerate von vier Prozent über 30 Jahre in nahezu allen historischen Szenarien nicht zum Kapitalverzehr führte. Die statische Entnahme ist daher besonders planbar und eignet sich für Anleger, die eine feste Einkommenserwartung bevorzugen.

Das zentrale Risiko dieser Strategie ist das Renditereihenfolgerisiko: Wer in den ersten Jahren der Entsparphase starke Kursverluste erlebt, entnimmt prozentual mehr Substanz, als der Portfoliowert verträgt. Erholt sich der Markt später, fehlt die Basis für diese Erholung. Eine einmal gewählte Entnahmerate muss zudem regelmäßig überprüft werden – starres Festhalten kann langfristig zum Problem werden.

Strategie 3: Mehrtopfmodell

Das Mehrtopfmodell teilt das Kapital in drei Töpfe mit unterschiedlichem Zeithorizont auf: kurzfristige Liquidität für laufende Ausgaben (Jetzt-Geld), mittelfristige Sicherheit als Puffer (Bald-Geld) und langfristiges Wachstum im investierten Anteil (Später-Geld). Typische Entnahmeraten liegen zwischen 4,0 und 4,5 Prozent pro Jahr.

Der wesentliche Vorteil des Modells ist psychologischer Natur: Anleger sehen, dass ihre laufenden Ausgaben aus einem stabilen Topf bestritten werden, ohne dass Markteinbrüche direkt auf ihre monatliche Entnahme durchschlagen. Das reduziert emotionale Fehlentscheidungen in volatilen Phasen erheblich. Gleichzeitig ist das Modell das administrativ aufwendigste der fünf Strategien. Rebalancing zwischen den Töpfen erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit und ein klares Regelwerk. Wer die Verwaltung scheut, läuft Gefahr, die Töpfe nicht rechtzeitig aufzufüllen – was die Schutzwirkung des Modells untergräbt.

Strategie 4: Dynamische Entnahme mit festem Prozentsatz

Statt eines starren Euro-Betrags wird bei der dynamischen Entnahme jährlich ein fester Prozentsatz des aktuellen Portfoliowerts entnommen – häufig zwischen 4,5 und 5,0 Prozent pro Jahr. Steigt der Portfoliowert, steigt die Entnahme. Fällt er, sinkt sie.

Der mathematische Vorteil ist offensichtlich: Das Portfolio kann bei konsequenter Anwendung rechnerisch nie vollständig aufgezehrt werden, da die Entnahme immer proportional zum verbleibenden Kapital bleibt. Das Renditereihenfolgerisiko ist im Vergleich zur statischen Entnahme strukturell gemildert, weil in schwachen Marktphasen automatisch weniger entnommen wird.

Der Preis dafür sind spürbare Einkommensschwankungen. Wer in einem Börsenjahr 30 Prozent Kursverlust erlebt, entnimmt im Folgejahr entsprechend weniger. Das erfordert eine gewisse finanzielle Flexibilität – und die Bereitschaft, den Lebensstandard kurzfristig anzupassen. Für Anleger mit stabilen Fixkosten, etwa laufenden Krediten, ist diese Variabilität möglicherweise schwer zu tragen.

Strategie 5: Dynamische Entnahme mit Lebenszeitannuität

Die anspruchsvollste Strategie richtet die Entnahme nicht nur am aktuellen Portfoliowert aus, sondern bezieht ein definiertes Enddatum und einen gewünschten Endkapitalbetrag in die Berechnung ein. Die Entnahme wird jährlich neu berechnet auf Basis der tatsächlichen Portfolioentwicklung, der verbleibenden Laufzeit und des angestrebten Restwerts.

Illustrativ: Wer bis zum Alter von 90 Jahren plant und am Ende 100.000 Euro hinterlassen möchte, berechnet jährlich neu, wie viel unter diesen Prämissen entnommen werden kann. Das Ergebnis ist die statistisch höchste erreichbare Entnahmerate – historisch zwischen 5,0 und 5,5 Prozent pro Jahr – bei gleichzeitig strukturell vermiedener Unterentnahme. Wer zu wenig entnimmt, verschenkt Lebensqualität; dieses Modell verhindert genau das.

Das zentrale Risiko liegt im Langlebigkeitsrisiko. Wer das geplante Endalter überschreitet, ohne die Strategie angepasst zu haben, riskiert Kapitalverzehr. Die Strategie funktioniert nur, wenn das Enddatum realistisch gewählt und regelmäßig überprüft wird – mindestens jährlich, bei veränderten Gesundheits- oder Familienverhältnissen auch unterjährig.

Praktische Konsequenzen für Anleger

Keine der fünf Strategien ist pauschal überlegen. Entscheidend sind individuelle Faktoren:

  • Risikotoleranz: Wer Einkommensschwankungen schlecht verträgt, ist mit der Dividenden-Strategie oder statischen Entnahme besser aufgestellt.
  • Planungshorizont: Wer einen langen Ruhestand erwartet oder eine Familiengeschichte mit hoher Lebenserwartung hat, sollte das Langlebigkeitsrisiko besonders ernst nehmen.
  • Kapitalverwendungsabsicht: Wer Kapital vererben möchte, wählt kapitalerhaltende Strategien. Wer das Portfolio vollständig nutzen möchte, profitiert von verzehrenden Varianten.
  • Bereitschaft zur Anpassung: Dynamische Strategien funktionieren nur, wenn sie tatsächlich jährlich überprüft und angepasst werden.

Ein häufiger Fehler: Anleger wählen eine Strategie, die zum Rentenstart passt, und passen sie jahrelang nicht an. Märkte, Gesundheit und persönliche Lebensumstände ändern sich. Eine starre Entnahmestrategie, die nicht überprüft wird, entwickelt sich schleichend zum Risiko.

Fazit

Die Entnahmestrategie ist keine technische Nebenfrage, sondern die zentrale Weichenstellung der Entsparphase. Die fünf vorgestellten Ansätze unterscheiden sich nicht nur in der erreichbaren Entnahmerate, sondern auch in ihrer Komplexität, ihrer Flexibilität und ihrem Umgang mit Langlebigkeit und Marktschwankungen.

Die Forschung zeigt klar: Dynamische Strategien sind statistisch leistungsfähiger. Sie setzen jedoch voraus, dass Anleger bereit sind, ihr Portfolio regelmäßig zu überprüfen und Entnahmen anzupassen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, hat mehr Spielraum – und ein kleineres Risiko, sein Kapital zu früh aufzuzehren.

Der erste Schritt ist Klarheit: Welche Strategie passt zu Ihrer Lebenssituation, Ihren Zielen und Ihrer Risikobereitschaft? Eine informierte Entscheidung lässt sich nur auf Basis konkreter Zahlen treffen.

Quellen

  1. Bengen, W. (1994). Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning.
  2. Cooley, P., Hubbard, C. & Walz, D. (1998). Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable. AAII Journal (Trinity Study).
  3. Guyton, J. & Klinger, W. (2006). Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates. Journal of Financial Planning.
  4. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024). Sterbetafel 2022/2024. Wiesbaden: Destatis.

Risikohinweis

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Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen sowie die daraus erzielten Erträge können steigen und fallen — Anleger erhalten den eingesetzten Betrag möglicherweise nicht vollständig zurück. Für die Entnahme- und Frührentenplanung gilt insbesondere: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko und das Langlebigkeitsrisiko können die Nachhaltigkeit eines Entnahmeplans erheblich beeinflussen.

Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.

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