Statische Entnahme
Dieser Ratgeber unterstützt Sie dabei, das Konzept der statischen Entnahme mit einem gleichbleibenden festen monatlichen Betrag zu verstehen - eine der einfachsten Methoden, um im Ruhestand aus einem angesparten Vermögen ein regelmäßiges Einkommen zu generieren.
Funktionsweise: Die feste Entnahmestrategie
Bei der Strategie der konstanten Entnahme (auch statischer Entnahmeansatz genannt) legen Sie zu Beginn Ihres Ruhestands einen festen Prozentsatz Ihres Startkapitals fest.
- Der Mechanismus: In jedem Folgejahr entnehmen Sie den gleichen Betrag, der lediglich um die aktuelle Inflationsrate angepasst wird, um Ihre Kaufkraft stabil zu halten.
- Vorteil: Sie genießen einen stabilen, gut vorhersehbaren Lebensstandard, der nicht direkt mit jedem Börsenauf- und -abschwung schwankt.
- Nachteil: Diese Strategie ist „starr“. Wenn die Märkte über längere Zeit einbrechen, entnehmen Sie im Verhältnis zum verbleibenden Depotwert immer mehr Geld, was das Risiko erhöht, dass Ihr Kapital vorzeitig aufgebraucht ist.
Die 4 %-Regel und ihre Schwächen
Die „4 %-Regel“ geht auf William Bengen (1994) zurück. Er berechnete auf Basis historischer US-Daten, dass ein Depot aus 50 % Aktien und 50 % Anleihen bei einer Entnahme von 4 % (plus Inflationsausgleich) eine 30-jährige Rentenphase fast immer übersteht.
Warum die 4 %-Regel heute kritisch gesehen wird:
- Survivor Bias (Erfolgsverzerrung): Bengens Berechnungen basierten nur auf dem US-Markt, der im 20. Jahrhundert außergewöhnlich gut abschnitt. Global betrachtet sieht das Bild oft düsterer aus.
- Langlebigkeitsrisiko: Viele Menschen unterschätzen ihre Lebensdauer um durchschnittlich 7 Jahre. Eine 30-jährige Planung reicht heute oft nicht mehr aus.
- Das aktuelle Marktumfeld: In Phasen hoher Inflation und niedrigerer erwarteter Renditen sinkt die „sichere“ Entnahmerate deutlich. Neuere Studien (Aizhan Arnarkulova 2022) beziffern eine wirklich sichere Rate (mit nur 5 % Pleiterisiko) eher auf 2,26 % bei einer 60%igen globalen Aktien-Allokation.
Das Pleiterisiko: Wenn das Kapital vor dem Leben endet
Das Pleiterisiko bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt seine finanziellen Mittel vollständig aufbraucht, während mindestens ein Mitglied noch lebt. In der Wissenschaft wird dies oft als „finanzieller Ruin“ definiert.
Die Hauptfaktoren für das Pleiterisiko:
- Langlebigkeitsrisiko: Die Unsicherheit über die tatsächliche Lebensdauer. Werden Rentner deutlich älter als statistisch erwartet, steigt die Gefahr, dass die Ersparnisse nicht ausreichen.
- Inflationsrisiko: Eine schleichende Geldentwertung reduziert die reale Kaufkraft. Um den Lebensstandard zu halten, müssen die Entnahmen steigen, was den Kapitalverzehr beschleunigt.
- Zu hohe Entnahmeraten: Studien zeigen, dass die populäre 4 %-Regel bei einem ausgewogenen Portfolio (60 % Aktien / 40 % Anleihen) ein Pleiterisiko von etwa 17,4 % birgt. Eine wirklich „sichere“ Rate, die das Risiko auf unter 5 % senkt, liegt global betrachtet oft nur bei ca. 2,26 %.

Ihre Grafik zeigt ein reales Szenario für den Zeitraum von 2000 bis 2023 – eine Phase, die mit dem Platzen der Dotcom-Blase und später der Finanzkrise 2008 extrem herausfordernd begann. Quelle: Eigene Berechnungen, Jan/2026
Das Risiko der Sequenz der Renditen
Das Risiko der Sequenz der Renditen beschreibt die Gefahr, dass ein Anleger genau zu Beginn der Entnahmephase mit schlechten Marktrenditen konfrontiert wird.
In der Ansparphase ist die Reihenfolge der Renditen weitgehend unerheblich für das Endergebnis. Sobald jedoch regelmäßig Kapital entnommen wird, ändert sich die Mathematik fundamental:
- Der Mechanismus: Fallen die Kurse um beispielsweise 20 %, während gleichzeitig eine Entnahme von 8 % erfolgt, muss das verbleibende Depot im Folgejahr um etwa 36 % steigen, nur um den ursprünglichen Wert wieder zu erreichen.
- Die Abwärtsspirale: Hohe Entnahmen in einem fallenden Markt greifen die Substanz des Portfolios so stark an, dass weniger Kapital für eine spätere Markterholung zur Verfügung steht. Dies kann zu einer irreversiblen Erschöpfung des Depots führen, selbst wenn die Durchschnittsrendite über 30 Jahre eigentlich positiv ist.
Das Konzept der festen (statischen) Entnahme ist die klassische Methode der Ruhestandsplanung. Sie bietet maximale Planbarkeit, erfordert jedoch eine disziplinierte Umsetzung und eine realistische Einschätzung der Marktrisiken.
Die sichere Entnahmerate
Die Bestimmung einer sicheren Entnahmerate ist die „Suche nach dem Heiligen Gral“ der Ruhestandsplanung. Es geht darum, einen Prozentsatz des Portfolios zu finden, den man jährlich (inflationsbereinigt) entnehmen kann, ohne Gefahr zu laufen, das Geld vor dem Lebensende aufzubrauchen.
Neben dem Klassiker, der 4 %-Regel aus der Studie von William Bengen (1994) gibt es heute mehrere Studien, unter anderem die von Anarkulova, die davor warnen, sich blind auf die 4 % zu verlassen, vor allem wenn man den gesamten globalen Markt betrachtet.
Die Tabelle zeigt die reale (sichere) Entnahmerate in Prozent, für verschiedene Asset-Allokationsstrategien. Die Tabelle gibt Entnahmeraten an, die einer Wahrscheinlichkeit für einen finanziellen Ruin von 5% entsprechen. Quelle: The Safe Withdrawal Rate: Evidence from a Broad, Sample of Developed Markets, Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg, Michael S. O’Doherty, Richard Sias, September 22, 2022
Die zentrale Erkenntnis der Untersuchung ist, dass die weltweit bekannte 4 %-Regel bei einer realistischen, globalen Betrachtung oft scheitert. Während historische Daten aus den USA ein sehr positives Bild zeichnen, sieht die Situation für einen Anleger, der sich auf einen breiten Korb entwickelter Märkte stützt, deutlich riskanter aus.
In der US-Historie (ab 1926) führte eine Entnahmerate von 4 % bei einem klassischen 60/40-Portfolio (Aktien/Anleihen) nur in etwa 3,5 % der Fälle zum finanziellen Ruin. Nutzt man jedoch den umfassenden Datensatz aus 38 Industrieländern über 130 Jahre hinweg, steigt diese Ruin-Wahrscheinlichkeit auf besorgniserregende 17,4 % an. Das bedeutet: Fast jeder fünfte Rentner würde bei dieser Strategie vorzeitig sein Geld verlieren.
Um das Risiko, ohne Kapital dazustehen, auf ein akzeptables Maß von 5 % zu senken, müssen Rentner ihre Erwartungen massiv nach unten schrauben:
- Globale Daten: Die sichere Entnahmerate liegt hier bei lediglich 2,26 %.
- US-Daten: Hier stünde dem Anleger eine Rate von 4,22 % zur Verfügung.
Dieser enorme Unterschied bedeutet für die Praxis: Wer 76.631 € Jahreseinkommen im Ruhestand anstrebt, benötigt bei globaler Risikokalkulation 3,39 Millionen € Ersparnisse.
Fazit: Für wen macht die feste statische Entnahme Sinn?
Diese Strategie eignet sich primär für Anleger, die folgende Merkmale aufweisen:
- Wunsch nach Stabilität: Sie ist ideal für Personen, die Wert auf einen konstanten, gut vorhersehbaren Lebensstandard legen und ihren Konsum nicht jährlich an die Schwankungen der Finanzmärkte anpassen möchten.
- Sicherheitsorientierung bei niedrigen Raten: Sie macht Sinn für Anleger, die eine sehr konservative Entnahmerate (z. B. unter 3 %) wählen können, da hierbei das Risiko, das Vermögen vorzeitig aufzubrauchen, deutlich sinkt.
- Präferenz für Einfachheit: Für Anleger, die keine komplexen mathematischen Modelle oder ständige Neukalkulationen (wie bei dynamischen Ansätzen) durchführen möchten, bietet dieser Ansatz eine klare und einfache Struktur.
- Zusätzliche Einkommensquellen: Sie ist besonders sicher, wenn neben dem Depot weitere garantierte Einkommen (z. B. staatliche Rente) bestehen, die im Falle einer Depoterschöpfung die Grundversorgung sichern.
Risikohinweis
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Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen sowie die daraus erzielten Erträge können steigen und fallen — Anleger erhalten den eingesetzten Betrag möglicherweise nicht vollständig zurück. Für die Entnahme- und Frührentenplanung gilt insbesondere: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko und das Langlebigkeitsrisiko können die Nachhaltigkeit eines Entnahmeplans erheblich beeinflussen.
Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.
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