Das "Spending Smile" im Ruhestand
Die meisten Menschen unterstellen bei ihrer Ruhestandsplanung konstante Ausgaben. Reale Daten zeigen aber eine Kurve in Form eines Lächelns. Was das Retirement Spending Smile genau bedeutet und warum Sie womöglich weniger zurücklegen müssen als gedacht

Ausgaben im Ruhestand sind selten linear
Viele kennen die 4%-Regel, sie geht auf William Bengen (1994) zurück und wurde durch die sogenannte Trinity Study (Cooley, Hubbard, Walz, 1998) bekannt. Ihr Kerngedanke: Wer zu Rentenbeginn 4 % des Portfolios entnimmt und diesen Betrag fortan nur an die Inflation anpasst, übersteht historisch die meisten 30-Jahres-Zeiträume, ohne das Kapital aufzubrauchen.
Das ist ein nützlicher Ausgangspunkt, aber das Modell unterstellt eine statische Entnahme mit konstanten Ausgaben über den gesamten Ruhestand. Die Analyse der tatsächlichen Ruhestandsausgaben zeichnet allerdings ein anderes Bild.
Das Retirement Spending Smile
David Blanchett, langjähriger Leiter der Ruhestandsforschung bei Morningstar hat genau das untersucht. Auf Basis umfangreicher Haushalts- und Umfragedaten, unter anderem der US-amerikanischen Health and Retirement Study, analysierte er, wie sich die realen, inflationsbereinigten Ausgaben über den Ruhestand verändern.
Sein Ergebnis: Trägt man diese Ausgaben über die Jahre auf, entsteht keine Linie, sondern die Form eines Lächelns. Blanchett (2014) prägte dafür den Begriff „Retirement Spending Smile". Die Ausgaben sinken vom frühen zum mittleren Ruhestand, erreichen einen Tiefpunkt und steigen zum Lebensende wieder an.
Die Drei Phasen des Ruhestands
Früher Ruhestand, die aktiven Jahre (ca. 65–75). Hier sind die Ausgaben am höchsten: Reisen, Hobbys, die neu gewonnene Zeit wird genutzt. Inflationsbereinigt beginnen sie allerdings bereits leicht zu sinken.
Mittlerer Ruhestand, die ruhigeren Jahre (ca. 75–85). Die Energie lässt nach, man bleibt häufiger zu Hause, reist weniger, das Leben wird beständiger. Hier liegt der Tiefpunkt der Kurve. Laut Blanchetts Auswertungen können die realen Ausgaben in dieser Phase um bis zu rund 25 % unter dem Niveau zu Rentenbeginn liegen.
Später Ruhestand, die passiven Jahre (ab Mitte/Ende 80). Ausgaben für Reisen und Freizeit gehen gegen null. Dennoch steigt die Gesamtsumme wieder. Der Treiber sind Gesundheits-, Pflege- und medizinische Kosten.
Nicht jedes „Lächeln“ ist gleich
Wie stark sich dieses Lächeln ausprägt, hängt deutlich vom Vermögen ab. Bei wohlhabenden Haushalten ist die U-Form besonders ausgeprägt. Ein großer Teil ihrer Ausgaben zu Rentenbeginn ist freiwilliger Konsum, wie Reisen, Hobbys oder größere Anschaffungen. Genau dieser Teil bricht im höheren Alter naturgemäß weg, und die Kurve fällt entsprechend tief.
Bei Haushalten mit geringerem Einkommen ist die Kurve flacher. Ihr Budget geht ohnehin zu großen Teilen für Fixkosten wie Wohnen und Lebensmittel drauf. Alles Kosten, bei denen sich im Alter kaum etwas einsparen lässt. Wer weniger frei verfügbaren Konsum hat, hat auch weniger, das wegfallen kann.
Was das für den Kapitalbedarf bedeutet
Hier liegt die praktisch wichtigste Erkenntnis. Wenn die realen Ausgaben im mittleren Ruhestand sinken, dann überschätzen lineare Betrachtung der Ruhestandsausgaben, wie viel Kapital Sie brauchen.
Blanchetts Auswertungen zufolge benötigt jemand, der das Spending Smile in die Planung einbezieht, rund 15 bis 20 % weniger angespartes Kapital, als lineare Modelle nahelegen. Für viele bedeutet das: Der Ruhestand ist näher finanzierbar, als die eigene Tabellenkalkulation suggeriert und mancher arbeitet oder spart länger als nötig, weil das Modell die mittleren Jahre zu teuer ansetzt.
Ein Vorbehalt gehört zwingend dazu, sonst kippt die Erkenntnis in einen Trugschluss: Die rechte Flanke des Lächelns ist real. Wer die mittlere Phase niedriger ansetzt, sollte den Puffer für Gesundheits- und Pflegekosten am Lebensende fest einplanen. Weniger Kapital heißt nicht sorglos — es heißt präziser.
Hinzu kommt ein zeitlicher Zusammenhang: Die höchsten Ausgaben fallen zu Beginn des Ruhestands an, also genau in der Phase, in der das Portfolio am empfindlichsten auf schwache Märkte reagiert (Renditereihenfolgerisiko). Das ist kein Gegenargument zum Spending Smile, aber ein Grund, die Entnahme nicht starr zu planen, sondern regelmäßig zu überprüfen und anzupassen.
Quellen
- Blanchett, D. (2014). Estimating the True Cost of Retirement. Morningstar Investment Management.
- Bengen, W. (1994). Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning.
- Cooley, P., Hubbard, C., Walz, D. (1998). Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Trinity Study). AAII Journal.
- Health and Retirement Study (HRS), University of Michigan — Datengrundlage zu Ausgaben- und Vermögensentwicklung im Alter.
- Blanchett, D. — Umfrageauswertungen zur Ruhestandszufriedenheit (u. a. für das Alliance for Lifetime Income).
Risikohinweis
Die Inhalte dieser Website dienen ausschließlich der Information und stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.
Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen sowie die daraus erzielten Erträge können steigen und fallen — Anleger erhalten den eingesetzten Betrag möglicherweise nicht vollständig zurück. Für die Entnahme- und Frührentenplanung gilt insbesondere: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko und das Langlebigkeitsrisiko können die Nachhaltigkeit eines Entnahmeplans erheblich beeinflussen.
Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.
Bitte lesen Sie auch unsere Risikohinweise und Nutzungsbedingungen.