Das Trilemma der Entnahme

Drei Kräfte bestimmen jede Entnahmestrategie. Wir beleuchten, warum sich diese nicht gleichzeitig maximieren lassen und wie dynamische Entnahmen das Pleiterisiko konstruktionsbedingt in Schwankungen der Entnahme tauschen.

Cover

Abb. 1 – An jeder Kante steht die dort mögliche Strategie mit den zwei erreichten Zielen

Ein hoher Betrag, jeden Monat derselbe, und das Kapital reicht bis zum Ende – diese drei Wünsche an eine Entnahmestrategie lassen sich nicht gleichzeitig erfüllen. Welche zwei Sie davon wählen, ist die wichtigste Entscheidung der Entsparphase.

Die drei Ecken

Alle drei Größen beschreiben dieselbe Sache – Ihre monatliche Auszahlung. Sie unterscheiden sich nur darin, welche Eigenschaft sie messen.

  • Höhe – wie hoch der monatliche Betrag ausfällt
  • Stabilität – wie stark dieser Betrag über die Jahre schwankt
  • Reichweite – ob der Betrag bis zum Ende gezahlt werden kann

Alle drei sind wünschenswert. Keine zwei lassen sich steigern, ohne bei der dritten zu bezahlen.

Entscheidend ist die Trennung von Stabilität und Reichweite. Beide werden umgangssprachlich als Sicherheit bezeichnet, in der Entsparphase sind sie jedoch Gegenspieler. Der Grund liegt darin, dass zwei Objekte gleichzeitig existieren: der Kapitalbestand im Depot und der Zahlungsstrom daraus. Sicherheit des Stroms bedeutet, dass der Betrag nicht fällt. Sicherheit des Bestands bedeutet, dass der Betrag nicht aufhört. Wer den Zahlungsstrom starr hält, verlagert das gesamte Marktrisiko in den Kapitalbestand. Wer den Bestand schützen will, muss den Zahlungsstrom nachgeben lassen.

Dahinter steht das Renditereihenfolgerisiko. Solange Sie Kapital unangetastet lassen, spielt die Reihenfolge der Renditen keine Rolle – ob das gute Jahr vor oder nach dem Einbruch kommt, das Endergebnis bleibt gleich. Sobald Sie feste Beträge entnehmen, gilt das nicht mehr: Schlechte Jahre zu Beginn wiegen ungleich schwerer, weil Sie Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen, die für die spätere Erholung fehlen (Pfau, Sequence of Returns Risk).

In der Mitte: der Portfolio-Mix

Wo bleibt die Rendite? In der Mitte des Dreiecks. Die Vermögensaufteilung (Asset Allocation) ist keine vierte Zielgröße, sondern der Stellhebel, der die Fläche aufspannt, auf der sich die drei Ecken bewegen. Sie wählen das Risikoprofil, die Renditen liefert der Markt.

Der belastbarste Datensatz dazu ist das UBS Global Investment Returns Yearbook 2026 von Dimson, Marsh und Staunton. Zwischen 1900 und 2025 erzielten global gestreute Aktien real rund 5,2 % pro Jahr, globale Staatsanleihen 1,6 % bis 2,0 %. Die Volatilität lag bei rund 23 % für Aktien und 13 % für Staatsanleihen.

Ein Teil der Glättung ist umsonst zu haben: Seit Markowitz (1952) ist belegt, dass die Kombination nicht gleichlaufender Anlageklassen die Schwankung des Gesamtportfolios stärker senkt, als es der Mischung der Einzelrisiken entspricht. Diversifikation vergrößert die Fläche. Alles Weitere ist ein Tausch.

Wichtig ist die Rollenverteilung: Der Portfolio-Mix bestimmt, wie groß Ihr Dreieck ist. Die Entnahmestrategie bestimmt, wo Sie darin stehen.

Dass der Aktienanteil kein Ziel, sondern ein Hebel ist, zeigt sich am Rand: In einer eigenen Simulation über 75 Jahre Kapitalmarktgeschichte waren reine Anleiheportfolios in allen drei Richtungen zugleich die schlechteste Wahl (RETIRE Capital Research, 2026). Solche Portfolios gewinnen nichts – weder Höhe noch Stabilität noch Reichweite.

Die drei Kanten: welche Strategie was leistet

Die folgenden Zahlen stammen aus derselben Simulation: 300.000 € Startkapital, 35 Jahre Entnahmedauer, globale Aktien und deutsche Staatsanleihen in Euro, gerechnet über 481 überlappende Zeitfenster. Alle Beträge sind nominal, also vor Abzug der Inflation.

Zwei Hinweise zum Vergleich der Monatsbeträge. Genannt ist jeweils die Entnahme im ersten Jahr – nur sie ist zwischen den Strategien direkt vergleichbar, weil sie danach unterschiedlichen Regeln folgt. Und „konstant" heißt bei der statischen Entnahme real konstant: Der Betrag wird jährlich an die Inflation angepasst und steigt nominal, während die Kaufkraft gleich bleibt.

Höhe und Stabilität: statische Entnahme mit hoher Rate

Die statische Entnahme legt im ersten Jahr einen Prozentsatz des Startkapitals als Entnahmebetrag fest und passt diesen Betrag danach nur noch an die Inflation an. Bei 4 % aus 300.000 € sind das 1.000 € im Monat – hoch und planbar.

Bezahlt wird mit der Reichweite. William Bengen zeigte 1994 an historischen US-Daten, dass eine Anfangsrate von 4 % bei einem Aktienanteil von 50 % bis 75 % in jedem geprüften Zeitfenster mindestens rund 33 Jahre trug (Bengen, 1994). Die Trinity Study bestätigte das Ergebnis wenig später an einem erweiterten Datensatz (Cooley, Hubbard & Walz, 1998).

Auf ein Euro-Portfolio und 35 statt 33 Jahre übertragen fällt das Bild ungünstiger aus: In unserer Simulation ließ sich das Pleiterisiko bei 4 % in keiner einzigen Aktienquote ausschließen. Im günstigsten Fall lag es bei 7,2 %, bei reinen Anleihen bei 45,2 %.

Stabilität und Reichweite: statische Entnahme mit niedriger Rate

Derselbe Mechanismus, nur vorsichtiger kalibriert. Ausfallfrei blieb die Regel erst bei 3,0 bis 3,5 %, also 750 bis 875 € im Monat. Der Betrag steht fest, das Kapital trägt.

Bezahlt wird mit der Höhe – und zwar doppelt. Sie leben von 875 statt 1.000 € und hinterlassen trotzdem im Mittel ein Vielfaches des Startkapitals.

Höhe und Reichweite: die dynamischen Verfahren

Die dynamische Entnahme bemisst die Auszahlung am aktuellen Depotwert statt an einem vor Jahrzehnten festgelegten Betrag. Weil immer nur verteilt wird, was tatsächlich da ist, kann das Kapital nicht vorzeitig versiegen: In allen geprüften Kombinationen lag die Pleitewahrscheinlichkeit bei 0 %.

Die Vermögensrente geht einen Schritt weiter und verteilt das Kapital jedes Jahr neu auf die Restlaufzeit. Waring und Siegel (2015) beschreiben dieses Prinzip als jährlich neu berechnete Annuität. Die Anfangsentnahme lag dadurch je nach Aktienquote zwischen 3,40 % und 6,11 % – bei 60 % Aktien bei 4,93 %, also 1.233 € im Monat. Das ist deutlich mehr als die 875 €, die eine ausfallfreie statische Regel hergibt. Dafür ist das Kapital am Ende der Laufzeit planmäßig vollständig verzehrt.

Bezahlt wird mit der Stabilität. Die monatliche Auszahlung schwankt mit dem Depot. Als verlässliche Untergrenze gilt dabei der niedrigste Monatsbetrag, der über alle 481 Zeitfenster auftrat – der schlechteste Fall, den die Kapitalmarktgeschichte hergab. Bei 40 % Aktien reichte die Spanne von 909 € bis 7.915 €, bei einem reinen Aktiendepot von 303 € bis 16.938 €. Wie ruhig es zugeht, steuern Sie über den Anleihenanteil – und damit wieder über den Portfolio-Mix in der Mitte.

Spannbreite dynamische entnahme

Abb. 2 – Der Aktienanteil entscheidet nicht nur über die Höhe, sondern über die Ruhe der Auszahlung. Die höchste verlässliche Untergrenze lag bei 40 % Aktien, nicht bei 100 %.

Die drei Kanten nebeneinander

In einer Zeile pro Kante wird sichtbar, worum es beim Trilemma geht: Keine Strategie gewinnt in allen drei Spalten.

Trilemma-kantenvergleich

Abb. 3 – Statische Entnahme mit 4 %, statische Entnahme mit 3,5 % und Vermögensrente, jeweils bei 60 % Aktien. Werte für das erste Jahr, nominal (RETIRE Capital Research, 2026).

Über- und Unterentnahme: zwei Fehler auf zwei Achsen

Wer den Auszahlungsbetrag im Voraus festlegt, kann auf zwei Seiten falsch liegen. Beide Fehler sind messbar, aber sie liegen nicht auf derselben Achse:

  • Überentnahme verfehlt die Reichweite. Der Betrag war zu hoch, das Kapital endet vor dem Leben.
  • Unterentnahme verfehlt die Höhe. Der Betrag war zu niedrig, ein Teil des Vermögens wird nie zu Lebensstandard.

Die zweite Seite bekommt in der Praxis viel zu wenig Aufmerksamkeit. Bei 4 % statischer Entnahme blieb in unserer Simulation im Mittel das 1,0- bis 6,0-fache des Startkapitals übrig. Bei 60 % Aktien standen 1.110.000 € Endvermögen einer Entnahmesumme von 609.000 € gegenüber: Wer so entnimmt, hinterlässt fast das Doppelte dessen, was er in 35 Jahren selbst verbraucht hat.

Unterentnahme

Abb. 4 – Bei einer starren Regel fließt jede Mehrrendite in das Erbe, nicht in den Lebensstandard.

Ein hohes Restvermögen ist damit kein Zeichen von zu viel Reichweite, sondern von zu wenig Höhe. Ob es überhaupt ein Fehler ist, hängt davon ab, welches Endvermögen Sie geplant haben – null bei vollständigem Kapitalverzehr, andernfalls ein bewusst gewollter Erbe- oder Pflegepuffer. Nur was darüber hinausgeht, ist Unterentnahme.

Gleich gewichten sollten Sie beide Fehler nicht. Ein vorzeitig erschöpftes Depot ist irreversibel, ein zu hohes Restvermögen eine verpasste Gelegenheit. Estrada und Kritzman (2019) führen beide in einer Kennzahl zusammen, der coverage ratio, und bewerten sie mit einer Nutzenfunktion, die Fehlbeträge stärker gewichtet als Überschüsse.

Scott, Sharpe und Watson (2009) haben die gemeinsame Ursache benannt: Ein starrer Entnahmeplan aus einem schwankenden Portfolio erzeugt in guten Märkten ungenutzte Überschüsse und in schlechten Märkten Fehlbeträge. Beide Fehler sind zwei Symptome derselben Konstruktion.

Fazit: Ihre Position im Dreieck

Vor dem Start der Entsparphase zählt nicht nur, wie viel Kapital Sie haben. Ebenso wichtig: Wie viel weniger könnten Sie in einem schlechten Jahr ausgeben, ohne dass Ihre Lebensqualität leidet? Diese Budgetreserve entscheidet, welche Kante für Sie in Frage kommt.

Die einzelnen Verfahren finden Sie in der Übersicht zu Entnahmestrategien. Wer volle Planbarkeit braucht, wählt zwischen einer hohen Rate mit Restrisiko im Depot und einer niedrigen Rate mit hohem Restvermögen. Wer Schwankungen im Budget verkraftet, kann das Pleiterisiko bis zum gewählten Planungshorizont konstruktionsbedingt ausschließen und über Anleihenanteil und Diversifikation einstellen, wie ruhig die Auszahlungen verlaufen.

Eine offene Flanke bleibt bei allen drei Kanten: das Langlebigkeitsrisiko. Milevsky und Huang (2011) zeigen, dass Langlebigkeit eine eigene, von der Marktentwicklung unabhängige Unsicherheit ist. Ein Plan, der auf 35 Jahre rechnet, ist ab dem 36. Jahr keiner mehr. Deshalb gehört die jährliche Überprüfung zur Methode und nicht zum guten Vorsatz.

Berechnen Sie Ihre Entnahme im Auszahlplaner →

Häufige Fragen

Wie hoch darf meine monatliche Entnahme sein?

Das hängt davon ab, welche zwei der drei Ziele Sie priorisieren. Aus 300.000 € lieferte eine statische Entnahme, die in unserer Simulation über 35 Jahre ausfallfrei blieb, 750 bis 875 € im Monat. Die Vermögensrente startete bei 60 % Aktien mit 1.233 €, dafür wird der Betrag jedes Jahr neu berechnet. Wer 1.000 € fest entnimmt, also 4 %, trägt ein Pleiterisiko von mindestens 7,2 %.

Ist es nicht sicherer, einfach weniger zu entnehmen?

Nur gegen eine der beiden Fehlerrichtungen. Eine niedrige feste Rate vermeidet das Pleiterisiko, erzeugt aber Unterentnahme: Bei 4 % und 60 % Aktien blieben im Mittel 1.110.000 € liegen, während nur 609.000 € entnommen wurden – bei 3,5 % fiel der Rest noch höher aus. Wer die Rate senkt, tauscht nicht Risiko gegen Sicherheit, sondern Lebensstandard gegen Erbe.

Feste Auszahlung oder schwankender Betrag – wonach entscheide ich?

Nach Ihrer Budgetreserve. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel weniger könnten Sie in einem schlechten Jahr ausgeben, ohne dass Ihre Lebensqualität leidet? Wer laufende Fixkosten kaum senken kann, braucht den festen Betrag und bezahlt ihn mit Höhe oder Reichweite. Wer Puffer hat, erhält im Schnitt mehr und schließt das Pleiterisiko aus, muss dafür aber magere Jahre aushalten.

Wie viel Aktien gehören in ein Entnahmedepot?

Weder null noch hundert Prozent. Reine Anleiheportfolios schnitten in allen drei Richtungen am schlechtesten ab, mit 45,2 % Pleitewahrscheinlichkeit bei 4 % Entnahme. Die höchste verlässliche Untergrenze lag bei 40 % Aktien, das geringste Pleiterisiko bei 50 bis 60 %. Der Aktienanteil hat damit ein inneres Optimum: Er ist kein Ziel, sondern der Stellhebel für die Größe Ihres Dreiecks.

Was passiert, wenn ich länger lebe als geplant?

Das ist die offene Flanke jedes Entnahmeplans. Dynamische Verfahren schließen das Pleiterisiko nur bis zum gewählten Horizont aus, hier 35 Jahre. Wer mit 65 startet und 100 wird, steht ab dem 36. Jahr ohne Plan da. Nach der Sterbetafel des Statistischen Bundesamts erreichen 12,8 % der heute 60-jährigen Frauen das Alter 95. Deshalb gehört die jährliche Neuberechnung des Horizonts zur Methode.

Quellen

  1. Dimson, E., Marsh, P. & Staunton, M. (2026): UBS Global Investment Returns Yearbook 2026 – Summary Edition. UBS. https://www.ubs.com/content/dam/assets/wm/static/cio/documents/giry2026-summary-public.pdf
  2. Markowitz, H. (1952): Portfolio Selection. The Journal of Finance, 7(1). https://www.jstor.org/stable/2975974
  3. Bengen, W. P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data. Journal of Financial Planning, 7(4), 171–180. https://www.financialplanningassociation.org/sites/default/files/2021-04/MAR04%20Determining%20Withdrawal%20Rates%20Using%20Historical%20Data.pdf
  4. Cooley, P. L., Hubbard, C. M. & Walz, D. T. (1998): Retirement Savings – Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Trinity Study). AAII Journal, 20(2). https://www.aaii.com/journal/article/retirement-savings-choosing-a-withdrawal-rate-that-is-sustainable
  5. Scott, J. S., Sharpe, W. F. & Watson, J. G. (2009): The 4% Rule – At What Price? Journal of Investment Management, 7(3), 31–48.
  6. Milevsky, M. A. & Huang, H. (2011): Spending Retirement on Planet Vulcan. Financial Analysts Journal, 67(2), 45–58.
  7. Waring, M. B. & Siegel, L. B. (2015): The Only Spending Rule Article You Will Ever Need. Financial Analysts Journal, 71(1), 91–107. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.2469/faj.v71.n1.2
  8. Estrada, J. & Kritzman, M. (2019): Toward Determining the Optimal Investment Strategy for Retirement. The Journal of Retirement, 7(1), 35–52.
  9. Pfau, W. D.: The Lifetime Sequence of Returns – A Retirement Planning Conundrum (Whitepaper). https://www.njstatelib.org/wp-content/uploads/2021/04/Sequence-of-Returns-Risk-White-Paper.pdf
  10. Statistisches Bundesamt: Sterbetafel 2023/2025.
  11. RETIRE Capital Research (2026): Entnahmestrategien im historischen Test. Simulation über 75 Jahre Kapitalmarktgeschichte, 481 überlappende 35-Jahres-Fenster, globale Aktien und deutsche Staatsanleihen in Euro. Alle Beträge nominal.

Risikohinweis

Die Inhalte dieser Website dienen ausschließlich der Information und stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. 

Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen sowie die daraus erzielten Erträge können steigen und fallen — Anleger erhalten den eingesetzten Betrag möglicherweise nicht vollständig zurück. Für die Entnahme- und Frührentenplanung gilt insbesondere: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko und das Langlebigkeitsrisiko können die Nachhaltigkeit eines Entnahmeplans erheblich beeinflussen.

Alle Berechnungen und Szenarien basieren auf historischen Daten und Modellannahmen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Simulationen erzeugen Wahrscheinlichkeitsszenarien — keine Garantien. Die steuerliche Behandlung von Kapitalanlagen ist individuell und kann sich ändern; die dargestellten steuerlichen Informationen ersetzen keine Beratung durch einen Steuerberater.

Bitte lesen Sie auch unsere Risikohinweise und Nutzungsbedingungen.